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Teil 1.3 - Digitalisierung & KI-Isierung sind keine IT-Projekte

Welche Änderungen der Wandel wirklich bedeutet


Nach den ersten beiden Teilen dieser Serie ist eine zentrale Einsicht klar geworden:
Digitalisierung und KI-Isierung sind weder IT-Projekte noch reine Maßnahmenprogramme. Sie entfalten ihre Wirkung nicht linear, sondern als Systemeffekt – eingebettet in Organisationen, die historisch auf Stabilität, Zuständigkeit und Wiederholbarkeit ausgelegt sind.

Doch genau hier entsteht nun die entscheidende Frage:
Wenn Digitalisierung und KI-Isierung keine technischen Optimierungsprojekte sind – was verändert sich dann eigentlich wirklich?

Die Antwort darauf führt uns weg von Tools, Roadmaps und Projektplänen – und hinein in eine veränderte Wirklichkeit, in der Organisationen heute handeln müssen. Diese Wirklichkeit lässt sich entlang von drei miteinander verknüpften Verschiebungen beschreiben.


🎢 Vom Informations- zum Integrationszeitalter

Die erste große Veränderung betrifft den Charakter der Digitalisierung selbst. 
Über Jahrzehnte hinweg war Digitalisierung vor allem eines: die Abbildung von Wirklichkeit.

Prozesse wurden dokumentiert, Daten gespeichert, Informationen verfügbar gemacht. Das Ziel war Transparenz, Effizienz und Vergleichbarkeit. Dieses Denken prägt bis heute viele Digitalisierungsstrategien – besonders in der Verwaltung.

Doch genau dieses Paradigma stößt zunehmend an seine Grenzen. Denn Information allein erzeugt noch keine Orientierung. Sie zeigt, was ist – aber nicht, wie Dinge zusammenhängen oder was daraus folgt.

Mit dem Einzug KI-gestützter Systeme verschiebt sich der Fokus fundamental:
Nicht mehr die Verfügbarkeit von Information steht im Zentrum, sondern ihre Integration. KI-Systeme entfalten ihren Nutzen nicht dort, wo sie Daten reproduzieren, sondern dort, wo sie Zusammenhänge herstellen, Muster sichtbar machen und Bedeutungen in Beziehung setzen.

Damit beginnt ein Übergang: vom Informationszeitalter zum Integrationszeitalter.

In diesem Zeitalter reicht es nicht mehr aus, einzelne Prozesse zu digitalisieren oder Fachverfahren zu optimieren. Organisationen müssen lernen, ihre eigenen Wissensbestände, Entscheidungslogiken und Zuständigkeiten miteinander zu koppeln. Digitalisierung wird damit zur Frage der Anschlussfähigkeit – nicht der Effizienz.


🗺️ Der virtuelle Raum – der unsichtbare Kontinent

Diese Integrationslogik entfaltet sich nicht im luftleeren Raum. Sie wirkt in einem Handlungsraum, der längst Realität ist – aber oft noch nicht als solcher verstanden wird: dem virtuellen Raum.

Der virtuelle Raum ist keine Simulation der realen Welt und kein bloßer Zusatz zur bestehenden Organisation. Er ist eine Erweiterung organisationaler Wirklichkeit. In ihm entstehen Entscheidungen, werden Informationen verknüpft, Verantwortlichkeiten verschoben und Handlungen ausgelöst – oft schneller und weitreichender als im analogen Raum.

Verwaltungen agieren längst in diesem Raum: über Fachverfahren, Plattformen, Schnittstellen, Portale und zunehmend über KI-gestützte Systeme. Doch während Gebäude, Hierarchien und Aktenordner sichtbar sind, bleibt der virtuelle Raum häufig implizit. Seine Regeln, Dynamiken und Rückkopplungen werden selten bewusst gestaltet.

Das hat Konsequenzen. Denn wer diesen Raum nicht aktiv strukturiert, wird von ihm strukturiert. 

Technische Standards, Systemlogiken und Default-Einstellungen übernehmen dann implizit Steuerungsfunktionen. Verantwortung verschiebt sich, ohne explizit verhandelt zu werden. Entscheidungen entstehen, ohne dass klar ist, wer sie eigentlich trifft – oder auf welcher Grundlage.

Digitalisierung bedeutet daher nicht nur, bestehende Abläufe zu virtualisieren. Sie zwingt Organisationen dazu, ihren realen Handlungsraum neu zu begreifen – jenseits von Amtszimmern, Zuständigkeitsplänen und Organigrammen.


🧠 Digitalisierung als Bewusstseinsprozess

Die tiefste Veränderung liegt jedoch noch eine Ebene darunter. 

Denn Digitalisierung – und erst recht KI-Isierung – wirkt nicht nur auf Strukturen, Prozesse oder Räume. Sie wirkt auf die Wahrnehmung von Organisationen über sich selbst.

Digitale Systeme machen sichtbar, was zuvor implizit war: Annahmen, Routinen, Entscheidungslogiken, Brüche und Widersprüche. KI-Systeme verstärken diesen Effekt, indem sie Zusammenhänge aufzeigen, Inkonsistenzen offenlegen und Rückfragen erzwingen. Sie konfrontieren Organisationen mit der Frage, ob sie wirklich wissen, warum sie tun, was sie tun.

In diesem Sinne ist Digitalisierung & KI-Isierung kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein fortlaufender Bewusstseinsprozess. Sie zwingt Organisationen zur Selbstbeobachtung:

  • Wie entsteht Wissen?
  • Wie werden Entscheidungen begründet?
  • Wie wird Verantwortung verteilt?
  • Und wie werden Widersprüche bearbeitet – oder ignoriert?

KI verschärft diese Fragen, weil sie nicht mit Unklarheit arbeiten kann. Sie verlangt Kontext, Kriterien und explizite Logiken. Wo diese fehlen, entstehen keine intelligenten Systeme, sondern automatisierte Blindstellen.

Digitalisierung beginnt mit dem Sehen.
KI-Isierung zwingt zum Verstehen.
Und beides zusammen konfrontiert Organisationen mit sich selbst.


🔄 Der Ausblick: Warum wir über Domänen sprechen müssen

Wenn Digitalisierung und KI-Isierung ein Integrations- und Bewusstseinsprozess sind, dann lässt sich dieser Wandel nicht über einzelne Projekte oder Zuständigkeiten steuern. Die Veränderungen betreffen mehrere Wirkfelder gleichzeitig: Recht, Organisation, Technik, Wissen, Führung, Kultur – und vor allem deren Zusammenspiel.

Genau hier entsteht die zentrale Herausforderung:
Wie lassen sich diese unterschiedlichen Bereiche so miteinander koppeln, dass Orientierung entsteht – statt Überforderung?

Um diese Frage zu beantworten, brauchen Organisationen ein Modell, das nicht weiter optimiert, sondern Zusammenhänge sichtbar macht. Ein Modell, das hilft zu verstehen, wo Digitalisierung wirkt – und wo sie blockiert wird.

Im nächsten Teil dieser Serie wenden wir uns deshalb den Domänen der Digitalisierung zu:
einem Reflexionsrahmen, der zeigt, wie Organisationen im digitalen Wandel Bewusstsein entwickeln – und warum Integration zur entscheidenden Fähigkeit unserer Zeit wird.

Teil 1.3 - Digitalisierung & KI-Isierung sind keine IT-Projekte
Thomas Cormann 7. Januar 2026
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