Digitalisierung in der Verwaltung fühlt sich für viele paradox an. Es wird viel getan: neue Fachverfahren, digitale Anträge, Online‑Services, erste KI‑Anwendungen. Und doch bleibt häufig ein irritierendes Gefühl zurück: Irgendwie greift es nicht.
Der Fortschritt ist sichtbar – aber er fühlt sich nicht wie Fortschritt an. Prozesse werden digital, aber nicht einfacher. Informationen sind verfügbarer, aber Entscheidungen nicht klarer. Dieses Gefühl ist kein Zeichen schlechter Arbeit. Es ist ein Hinweis darauf, dass wir es weniger mit einem Umsetzungs‑ als mit einem Systemproblem zu tun haben.
🐹 Vom Projekt zur Organisation - oder: das digitale Sisyphos-Hamsterrad
Digitalisierung ist kein Weg mit Ziel, sondern ein Zustand permanenter Re‑Konfiguration. Neue Technologien, neue Marktakteure, neue rechtliche Vorgaben und neue Erwartungen sorgen dafür, dass Organisationen immer wieder neu anfangen. Wer Digitalisierung als Projekt denkt, erlebt sie zwangsläufig als Scheitern – im Sisyphos‑Hamsterrad.
Das eigentliche Problem liegt dabei nicht im fehlenden Engagement, sondern in der Denkfigur. Projekte haben einen Anfang und ein Ende. Organisationen im digitalen Wandel nicht.
🍂 Warum sinnvolle Einzelmaßnahmen keine Gesamtwirkung entfalten
Ein naheliegender Reflex auf stockende Digitalisierung lautet: Dann müssen wir es besser oder konsequenter machen. Mehr Standards, engere Steuerung, weniger Entscheidungsräume.
Was kurzfristig Ordnung schafft, wirkt langfristig destruktiv. Denn im Integrationszeitalter entsteht Stabilität nicht durch Kontrolle, sondern durch Anpassungsfähigkeit. Organisationen funktionieren nicht additiv. Sie reagieren systemisch. Veränderungen an einer Stelle verschieben Wirkungen an anderer – oft zeitverzögert und unbeabsichtigt.
Ab hier wechseln wir die Perspektive: Es geht nicht mehr um Ursachen, sondern um Orientierung.
😥 Warum wir anfangen müssen, in Wechselwirkungen von Domänen zu denken
Um Digitalisierung sinnvoll zu gestalten, reicht es nicht, einzelne Maßnahmen zu optimieren. Entscheidend ist das Zusammenspiel unterschiedlicher Wirkfelder – sogenannter Domänen. Dazu gehören unter anderem Technik, Organisation, Recht, Führung, Wissen und Kultur.
Keine dieser Domänen erklärt für sich allein, warum Digitalisierung gelingt oder stockt. Die relevanten Effekte entstehen zwischen ihnen.
Gerade KI verschiebt hier eine Grenze: Sie macht Wechselwirkungen erstmal sichtbar und teilweise auch handhabbar. Wo Zusammenhänge früher an schierer Komplexität gescheitert sind, können KI-Systeme Muster erkennen, Abhängigkeiten aufzeigen und Rückkopplungen transparent machen.
Gleichzeitig zeigt sich dabei eine neue Grenze: KI kann Wechselwirkungen erfassen und verstärken – verstehen und einordnen muss sie die Organisation selbst. Genau dafür braucht es ein gemeinsames Begriffs- und Denkgerüst.
🚘 Das Wechselwirkungsmodell als Reflexionsrahmen – und als Orientierung für Maßnahmen
An genau dieser Stelle setzt das Wechselwirkungsmodell an. Es ist die bewusste Antwort auf eine neue Situation: KI macht Zusammenhänge sichtbar, aber sie liefert keine Orientierung, welche dieser Zusammenhänge relevant, legitim oder handlungsleitend sind.
Das Wechselwirkungsmodell stellt dafür ein gemeinsames Denk- und Ordnungsangebot bereit. Es übersetzt technische Sichtbarkeit in organisationale Verständlichkeit. Nicht indem es Komplexität reduziert, sondern indem es sie strukturierbar macht. Als Reflexionsrahmen macht es sichtbar:
- welche Domänen gleichzeitig betroffen sind,
- wo sich ihre Logiken gegenseitig verstärken oder blockieren,
- und wo Interventionen unbeabsichtigte Nebenwirkungen erzeugen.
Entscheidend ist dabei: Das Modell zielt nicht auf die Optimierung einzelner Effekte, sondern auf deren Ausbalancierung. Digitale und KI-gestützte Interventionen erzeugen selten eindeutige Wirkungen. Sie stabilisieren an einer Stelle und destabilisieren an anderer. Tragfähig wird Gestaltung deshalb nicht durch Maximierung, sondern durch ein bewusstes Austarieren konkurrierender Effekte.
In diesem Sinne hilft das Wechselwirkungsmodell nicht dabei, Komplexität aufzulösen, sondern sie handhabbar zu machen - indem es Nebenwirkungen, Rückkopplungen und Spannungen explizit in die Entscheidungsfindung einbezieht.
In der Praxis wird das Modell damit zugleich zur Orientierung für Entscheidungen. Maßnahmen werden nicht isoliert bewertet, sondern in ihrer Wirkung auf andere Domänen mitgedacht. Nicht „richtig oder falsch“ steht im Vordergrund, sondern "tragfähig unter erkannten Bedingungen".
🔄 Der Ausblick: Die Systemikebenen als Grundlage des Domänenmodells
Bevor einzelne Domänen vertieft werden, braucht es eine weitere Unterscheidung: Organisationen wirken auf unterschiedlichen Systemikebenen – von Strukturen über Dynamiken bis hin zu Reflexion und Bewusstsein.
Diese Ebenen bilden das Gerüst, auf dem das Wechselwirkungsmodell aufbaut. Erst mit ihnen lässt sich nachvollziehen, wo Integration entsteht – und warum sie zur zentralen Fähigkeit im digitalen Wandel wird.
Im nächsten Artikel dieser Serie geht es genau darum: um die Systemikebenen als Grundlage für das Domänen‑ und Wechselwirkungsmodell.