Zum Inhalt springen

Teil 3.01 - Wenn die Verwaltung nicht weiß, was sie weiß

Oder: Warum kommunale Handlungsfähigkeit an Wissensqualität liegt

Im Prolog haben wir Frau Schneider kennengelernt: jene kommunale Sachbearbeiterin, die erstaunlich zuverlässig weiß, wo die aktuelle Version liegt, welche Vorlage besser nicht mehr verwendet wird und warum ein Verfahren offiziell anders aussieht, als es praktisch gelebt wird. Das ist wertvoll. Sehr sogar. 


Aber es zeigt auch ein Problem: Wenn entscheidendes Wissen nur in Köpfen, Routinen oder informellen Abstimmungen liegt, ist es zwar vorhanden – aber nicht unbedingt organisational verfügbar. Eine Kommune kann dann nur handeln, solange die richtigen Menschen erreichbar sind. Sobald sie krank, im Urlaub oder im Ruhestand sind, wird aus Erfahrung plötzlich Unsicherheit. 


Und genau hier beginnt die Frage: Was weiß die Verwaltung eigentlich als Organisation – und nicht nur einzelne Menschen in ihr?


🌆 Verwaltung braucht mehr als Zuständigkeiten

Kommunale Verwaltungen handeln nicht allein auf Grundlage von Zuständigkeiten, Regeln oder technischen Verfahren. Natürlich sind diese Elemente wichtig. Zuständigkeiten klären, wer entscheiden darf. Regeln geben den rechtlichen Rahmen vor. Fachverfahren unterstützen die Bearbeitung. Aber all das reicht nicht aus.

Damit Verwaltung sinnvoll handeln kann, muss sie Situationen verstehen. Sie muss erkennen, welche Informationen relevant sind, welche Regel auf einen konkreten Fall passt, welche Folgen eine Entscheidung haben kann und wie Prozesse funktionieren. Wissen ist deshalb keine nette Ergänzung zum Verwaltungshandeln. Es ist eine seiner zentralen Voraussetzungen.

Ohne Wissen bleibt Verwaltung im schlimmsten Fall eine mechanische Abarbeitung von Vorgängen: Antrag kommt rein, Maske wird befüllt, Haken wird gesetzt, Bescheid geht raus. Formal mag das funktionieren. Aber Verständnis für Kontext, Bedeutung und Wirkung entsteht so noch nicht. Und genau dieses Verständnis entscheidet oft darüber, ob Verwaltung nicht nur korrekt, sondern auch angemessen handelt.


🧭 Wissen schafft Orientierung

Wissen hilft einer Organisation, Realität einzuordnen:

Ist ein Vorgang Routine – oder steckt eine Besonderheit dahinter?

Ist eine Handlung notwendig – oder eigentlich überflüssig?

Ist eine Information entscheidend – oder nur Begleitmusik im Verwaltungskonzert?


Diese Orientierung entsteht aus vielen Quellen: rechtlichen Normen, Verwaltungsvorschriften, politischen Beschlüssen, lokalen Besonderheiten, organisatorischen Erfahrungen und praktischen Routinen. Zusammen bilden sie ein komplexes Geflecht aus Regeln, Interpretationen und Erfahrung.


Wichtig ist dabei: Organisationen besitzen Wissen nicht direkt. Sie besitzen keine zentrale innere Festplatte, auf der „das Wissen der Verwaltung“ sauber abgelegt ist. 
In der Praxis existiert Wissen zunächst als mentale Repräsentation in den Köpfen der Mitarbeitenden. Menschen entwickeln im Laufe ihrer Tätigkeit ein Verständnis für Verfahren, Besonderheiten und typische Problemlagen.

Dieses individuelle Wissen spiegelt die Wissensbestände der Organisation wider – bleibt aber immer persönliche Interpretation. Deshalb können dieselben Regeln unterschiedlich angewendet, Situationen unterschiedlich eingeschätzt und Entscheidungen unterschiedlich vorbereitet werden.


Eine Organisation trägt Wissen also nicht einfach wie einen Aktenordner. Sie trägt es in Menschen, Dokumenten, Verfahren, Systemen und Gewohnheiten.


🩹 Wenn Wissen verletzlich wird

Diese Verteilung macht kommunales Wissen leistungsfähig – aber auch verletzlich.

Wenn Wissen nur in Köpfen liegt, kann es verloren gehen. Wenn es nur informell weitergegeben wird, kann es sich verändern. Wenn Dokumente veralten, aber weiter genutzt werden, entsteht Unsicherheit. Wenn mehrere Quellen Unterschiedliches sagen, verliert Wissen seine orientierende Funktion. Dann greifen Mitarbeitende wieder auf das zurück, was schnell verfügbar ist: persönliche Erfahrung, bekannte Kolleg:innen, alte Routinen.

Das ist menschlich. Aber es ist riskant.

Denn je stärker eine Organisation von unausgesprochenem Wissen abhängt, desto schwieriger wird es, Entscheidungen nachvollziehbar, einheitlich und zukunftsfähig zu gestalten.

Dokumentation spielt deshalb eine wichtige Rolle. Nicht als Selbstzweck und nicht als bürokratisches Hobby für Menschen mit Liebe zu Ordnerstrukturen. Sondern als Möglichkeit, Wissen über einzelne Personen hinaus verfügbar zu machen. Erst wenn Wissen in Dokumenten, Leitfäden, Prozessen oder Datenstrukturen festgehalten wird, kann es Teil des organisationalen Gedächtnisses werden.


🕳️ Digitalisierung macht Wissenlücken sichtbar

Gerade durch Digitalisierung und KI-Isierung wird diese Frage dringlicher. Digitale Systeme arbeiten nicht gut mit „Das weiß Frau Schneider“. Sie brauchen beschriebene Zusammenhänge, gepflegte Informationen und erkennbare Geltung. KI-Systeme verstärken diese Anforderung noch einmal: Sie können nur dann sinnvoll unterstützen, wenn Wissen strukturiert, nachvollziehbar und interpretierbar vorliegt.

Damit zeigen digitale Technologien etwas, das vorher oft verdeckt blieb: Wie stark Verwaltungshandeln auf implizitem Wissen beruht. Das ist keine Schwäche der Verwaltung. Es ist ein normaler Teil organisationaler Praxis. Aber es wird dann problematisch, wenn aus implizitem Wissen eine unsichtbare Abhängigkeit wird.


🌓 Zu wenig Wissen ist ein Problem. Zu viel übrigens auch

Orientierung scheitert nicht nur an Wissensmangel. Auch ein Übermaß kann problematisch sein. Wenn Dokumentationen unübersichtlich werden, Informationen doppelt vorliegen oder unterschiedliche Quellen widersprüchliche Aussagen treffen, verliert Wissen seine Funktion. Dann entsteht nicht Klarheit, sondern neue Unsicherheit.


Die Qualität organisationalen Wissens hängt daher nicht an der Menge. Entscheidend sind Struktur, Verständlichkeit und Aktualität. Wissen muss so organisiert sein, dass es Entscheidungen unterstützt – nicht so, dass alle froh sind, wenn sie doch wieder Frau Schneider fragen können.


🛠️ Handlungsfähigkeit beginnt mit Wissensfähigkeit

Eine Kommune ist mehr als eine Struktur aus Zuständigkeiten, Prozessen und Ressourcen. Sie ist auch ein System der Erkenntnis: Sie nimmt Informationen wahr, interpretiert sie und überführt sie in Entscheidungen. Je besser ihr Wissen zugänglich, verständlich und aktuell ist, desto handlungsfähiger wird sie.


Deshalb beginnt die KI-taugliche Verwaltung nicht mit einem Tool. Sie beginnt mit einer ehrlichen Frage: Wissen wir eigentlich, was wir wissen?

Teil 3.01 - Wenn die Verwaltung nicht weiß, was sie weiß
Thomas Cormann 10. Juni 2026
Diesen Beitrag teilen
Archiv
Teil 3.00 - Prolog: Warum KI in der Verwaltung zuerst eine Wissensfrage ist
Oder: Warum Frau Schneider nicht die Wissensarchitektur der gesamten Kommune sein sollte